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20.09.2000
20.09.00, Altreu / Schweiz
Abschied vom Tagebuch - aber die website lebt weiter
4 Wochen lang habe ich Ihnen nun täglich aus unserem Projekt „S.O.S. Storch“ berichtet. Nicht immer war das einfach.
Meist entstanden die Tagebuchberichte weit nach Mitternacht - denn erst dann waren alle Daten des vorangegangenen
Tages für eine Auswertung der aktuellen Situation verfügbar. Und häufig war es unerträglich heiss an meinem kleinen
Schreibtisch im engen Auto. Trotzdem hat mir das Schreiben des Tagebuchs viel Spass bereitet, vor allem, seit
unser „Gästebuch“ mir zeigte, auf welch grosses Interesse das Projekt „S.O.S. Storch“ bei Ihnen gestossen ist.
Als ich gestern hier in Altreu ankam, da glaubte ich noch, nun gebe es für die nächsten Tage etwas mehr Muse und Zeit.
Vieles wollte ich in den wenigen verbleibenden Tagen zusammenfassen, auswerten und Ihnen vor meiner Abreise nach
Deutschland noch in das Tagebuch stellen. Doch schnell musste ich dann feststellen, dass in der Zentrale in Altreu sehr
viel Arbeit wartet. Pressetermine, Abrechnungen, Archivierung der Ausrüstung usw., von morgens bis nachts bin ich beschäftigt.
Und schliesslich möchte ich in wenigen Tagen auch zurück nach Deutschland reisen, wo meine Familie während der letzten
8 Wochen ohne mich auskommen musste.
Widerwillig musste ich mir heute eingestehen, dass unter diesen Bedingungen die Führung eines geregelten Tagebuchs
nicht mehr möglich ist. Lieber ein sauberer Schnitt, denke ich mir, als ein Tagebuch, das gar keines mehr ist, da es nur noch
sporadisch erscheint. Ausserdem ist die „heisse Phase“ des Projekts erst mal vorbei, unsere Störche haben zumindest
vorübergehend feste Rastplätze erreicht, und es ist nicht mehr an jedem Tag mit aufregenden Neuigkeiten zu rechnen.
Wir haben deshalb beschlossen, die Website und das Tagebuch nicht mehr täglich zu aktualisieren, sondern Ihnen in
den nächsten Monaten die neuesten Ergebnisse und Geschehnisse aus dem Projekt einmal pro Woche in der website
zu präsentieren. Ein regelrechtes Tagebuch wird es nicht mehr geben, dafür jedoch zusätzliche Informationen, Ergebnisse
der Auswertung unserer Expedition sowie Berichte über das Schicksal der Sendervögel und über neue Aktivitäten zum
Schutz des Weissstorchs.
Unser Webmaster, Bruno Grassi, wird sicher nicht traurig sein über diese Entscheidung. Wochenlang hat er Nacht für
Nacht auf meine eMails aus Südeuropa warten müssen, und wenn ich dann irgendwann am frühen Morgen in den
Schlafsack kriechen konnte, begann für ihn die Arbeit. Zuverlässig und akkurat hat er jeden Tagebucheintrag, jedes
Foto auf der website platziert und allnächtlich aus meinen Daten die Zugkarten unserer Senderstörche aktualisiert.
Tolle Arbeit, Bruno. Und grossartig war auch die Leistung derjenigen, die mir aus der Schweiz täglich, nein, halbstündlich
die neuesten Koordinaten übermittelt haben. Margrit, Paul und Adrian haben sicher auch nichts dagegen, dass sie jetzt
wieder mal Zeit haben, sich um etwas anderes als Weissstorchkoordinaten zu kümmern.
Ich danke Ihnen, unseren Lesern, für Ihr Interesse, das für uns während der vergangenen 4 Wochen Motivation war,
diese website am Leben zu erhalten, und ich entschuldige mich dafür, dass der Abbruch nun etwas abrupt erfolgt.
Gleichzeitig hoffe ich, dass Sie uns und unserer website auch zukünftig die Treue halten. Im nächsten Jahr werden wir,
wenn die finanzielle Situation es zulässt, ein zweites Mal die Störche auf ihrer Reise begleiten, dann wahrscheinlich
sogar bis weit hinein nach Afrika. Und auch im nächsten Jahr werden wir Ihnen wieder tagesaktuell über den Fortgang
des Projekts und das Schicksal der ziehenden Störche berichten.
Dr. Holger Schulz
Nachtrag:
Aufgrund der Nachfrage vieler unserer Leser haben wir heute beschlossen, das Tagebuch über die gesamte
Expedition zu vervollständigen und, versehen mit Karten, Fotos und zusätzlichen Informationen, in gedruckter
Form zu veröffentlichen. Das Buch soll bis Anfang des Jahres 2001 fertiggestellt sein. Da Ausstattung und
Umfang des Buches von der Auflage abhängen, werden Sie bereits in den nächsten Tagen ein Bestellformular
auf der website vorfinden. Je mehr Bestellungen vorab eingehen, desto besser und schneller kann das Buch
schliesslich gedruckt werden.
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19.09.2000
Foto 88
Foto 89
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Foto 91
Foto 92
19.09.00, Altreu / Schweiz
Heute war ein langer Tag. Zuerst die Autofahrt von Annecy nach Altreu, mit vielen Zwischenstops zur Auswertung der eintreffenden
Daten. Kurz nach meiner Ankunft in Altreu trifft Roland Blaser von der Fernsehsendung MTW (Menschen, Technik, Wissenschaft) mit
seiner Filmcrew ein. Es dauert Stunden, bis alles Nötige für die Aufnahmen installiert ist, und weitere Stunden, bis die Bilder im
Kasten sind. Um 1 Uhr nachts endlich sind wir fertig. Am Donnerstag, den 21. September, soll der neue Beitrag über unser Projekt
in MTW gesendet werden. Für mich ist damit aber der Tag noch nicht zu Ende: In der zweiten Hälfte der Nacht steht nun die Auswertung der Daten und das Verfassen des Tagebucheintrags an - denn Sie möchten ja morgen wieder wissen, was es Neues gibt im Projekt „S.O.S. Storch“.
Michael und Christian von Team 2 haben den Storch Monika von Frankreich bis nach Südspanien begleitet, haben ihn aber für die
letzten 200-300 Kilometer bis zur Südspitze alleine gelassen, um am Donnerstag Nachmittag rechtzeitig in Altreu sein zu können.
Nur einen Tag, nachdem das Team die Rückreise in die Schweiz angetreten hat, signalisiert der Sender von Monika, dass der Vogel
möglicherweise tot ist. Der Aktivitätsschalter registriert seit gestern abend keine Bewegungen mehr. Das ist natürlich ärgerlich, lässt
sich aber jetzt nicht mehr ändern.
Nur bei dreien unserer Senderstörche, darunter Werner und Jeannot in Marokko, konnten wir heute deutliche Ortsveränderungen
feststellen. Werner aus Avenches hält sich heute abend ca. 80 km nordöstlich von Rabat auf, Jeannot aus Ottenbach ist etwa 50 km
östlich von Rabat. Daniel aus Altreu ist heute weiter nach Mali reingezogen, befindet sich aber noch immer in der Nordspitze des
Landes. Bei den anderen Störchen gibt es keine Neuigkeiten.
Joachim hat mir heute aus Marokko per eMail 5 Fotos zugesandt. Die Übertragung der Dateien aus Marokko
auf meine mailbox muss eine abenteuerliche Unternehmung gewesen sein. Die Fotos stehen zusammen mit dem
heutigen Tagebucheintrag im Netz und sollen Ihnen einen kleinen Einblick in die Lebensräume der durch Marokko ziehenden
Störche geben.
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18.09.2000
Eigentlich wollte Joachim mir für den heutigen Tagebuchbeitrag Fotos von den Rastplätzen der Störche in
Marokko zusenden. Spät in der Nacht mussten wir feststellen, dass das aufgrund technischer Probleme
nicht klappt. Deshalb heute ausnahmsweise keine Bilder...
18.09.00, Sevrier bei Annecy / Frankreich
Gerade habe ich es erfahren: Unser Senderstorch Gantenbein ist seit dem 4. September tot. Er hat seine schwere
Beinverletzung nicht überlebt. Nachdem Michael und Daniel ihn am 1. September verletzt eingefangen hatten, ihm den
Sender abgenommen und ihn zu einem Tierarzt gebracht hatten, wurde dort versucht, ihn mit Antibiotika und Zwangsfütterung
zu retten. Alle Bemühungen halfen jedoch nicht, er starb an den Folgen der schweren Infektion, die die bereits mit Maden befallene
Beinwunde hervorgerufen hatte. Genaues über die Entstehung der Wunde wissen wir nicht, wir nehmen an, dass der Vogel entweder
mit einer Stromleitung kollidierte oder in einen Stacheldrahtzaun geflogen war.
Aus Marokko kam heute endlich wieder ein Lebenszeichen von Joachim. Alles war schief gegangen während der letzten Tage,
das Auto defekt, keine Werkstatt in der Nähe, die Wege zu den Koordinaten der Senderstörche nur schwer befahrbar und, und,
und... In Afrika ist die Feldarbeit eben noch ein wenig schwieriger als in Europa. Die Datenübertragung funktioniert nur sehr
unzuverlässig, und ganze Nachrichten gehen gelegentlich völlig verloren. Die von mir abgesandten Satellitendaten kommen bei
Joachim mit grosser Verspätung oder überhaupt nicht an. Auch die Fotos, die Joachim heute abend per eMail übermitteln wollte
und die heute eigentlich in der website stehen sollten, sind bisher nicht bei mir eingetroffen. Deshalb gibt es heute zum ersten Mal
seit Bestehen des Tagebuches keine Bilder zu sehen. Ich hoffe, dass wir das morgen nachholen können.
Ein weiterer Senderstorch hat von Gibraltar aus den Sprung nach Afrika gewagt. Werner aus Avenches ist seit heute in
Marokko und wurde am Abend von den Satelliten im äussersten Norden des Landes geortet. Jeannot hält sich weiterhin
an der Atlantikküste Nordmarokkos auf, etwa an gleicher Stelle wie gestern, und auch Maries Position ist unverändert
knapp südlich von Ceuta. Francis treibt sich immer noch im Niger-Binnendelta herum und ist heute abend ca. 50 km südlich
von Timbuktu. Daniel, der gestern noch im Westzipfel Algeriens war, ist jetzt bis zur algerisch-malischen Grenze nach Süden
gezogen. Walter scheint noch immer im Mittelmeer vor Tunesien zu driften. In Spanien ist Monika bis etwa 25 Kilometer
östlich von Almeria gezogen und nähert sich somit ebenfalls schnell der Südspitze des Landes. Bei allen anderen Vögeln
gab es keine auffälligen Ortsveränderungen.
Ganz massive Ortsveränderungen gibt es dagegen seit heute Mittag bei unseren Peilteams. Am 20. September müssen
sie in Altreu in der Schweiz eintreffen. Alle Teams haben bis wenige Minuten vor Beginn der Rückreise im Gelände gearbeitet.
Ich hatte den Eindruck, dass es allen schwerfällt, sich von „ihren“ Sendervögeln bzw. der anstrengenden Arbeit loszureissen.
Begeisternd, das Engagement, das sie alle in das Projekt einbringen. Team 2, Michael und Christian, liessen den Senderstorch
Monika bei Murcia nur widerwillig alleine weiterziehen, Karsten und Norbert von Team 4 liefen bis zur letzten Minute
Mittelspannungsleitungen in der Nähe mehrerer Müllkippen nach toten Störchen ab, und die „Sunny-Boys“ Stephan und
Olaf haben bis zuletzt die Senderstörche um Gibraltar kontrolliert. Ich bin mir sicher, alle werden auf der Heimreise ihre
Peilgeräte ständig laufen lassen - es könnte ja noch irgendwo ein bisher verschollen geglaubter Senderstorch auftauchen.
Ich selbst habe heute bei Valence die Zugroute unserer Störche verlassen und bin auf der Alpenautobahn über Grenoble
und Chambery nach Genf unterwegs. In Sevrier habe ich einen schönen Campingplatz am Lac Annecy gefunden - leider
kann ich die wunderschöne Aussicht auf die Berge um mich herum kaum geniessen, da mich die Computerarbeit ans
Auto fesselt. Nach Mitternacht wird es empfindlich kalt - erstmals seit Wochen schliesse ich die Autotüren. Für uns von der
Expedition „S.O.S. Storch“ geht der Sommer jetzt wohl auch endgültig zu Ende.
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17.09.2000
Foto 87
17.09.00, Valras-Plage bei Béziers / Südfrankreich
Es ist doch verrückt: Da habe ich mich in der spanischen Hitze wochenlang nach etwas herbstlicherem mitteleuropäischem
Wetter gesehnt, und heute abend, nördlich der Pyrenäen, wo es wolkenverhangen und relativ kühl ist, wünsche ich mir die
Wärme Südeuropas zurück. Aber vielleicht ändert sich das, wenn ich, statt in meinem fahrbaren Untersatz, wieder in meinem
gemütlichen Büro arbeiten kann.
Die meisten unserer Senderstörche haben während der vergangenen Wochen die Pyrenäen auf dem Weg über den Col de la
Perche und das Segre-Tal überwunden. Wie schon gestern habe ich auch heute meine Heimreiseroute so gelegt, dass sie der
Zugstrecke der Störche folgt. Bis kurz südlich von Puigcerda und dem Col de la Perche windet sich die Strasse durch das enge
und von steilen Felswänden eingerahmte Segretal, das sich bei Puigcerda weit öffnet. Nördlich der spanisch-französischen
Grenze bleibt die Landschaft zuerst eher lieblich, mit viel Ackerbau und Wiesen- und Weidewirtschaft auf dem Talboden.
Erst ab Mont Louis, wo der Zugweg der Störche durch das Tal des Têt-Flusses verläuft, wird es wieder wildromantisch.
Hier, wo die Störche in grosser Höhe auf den Thermiken segeln, die von den schroffen Talwänden aufsteigen, windet sich die
Strasse mühsam in engen Serpentinen durch die Schlucht nach Perpignan zur Mittelmeerküste.
Jetzt, wo ich die Zugroute nachvollzogen habe, ist mir klar, dass die Störche den einzig logischen Weg wählen. Von Norden
kommend stossen sie auf die Barriere der Pyrenäen, werden durch einen Bergzug in südwestlicher Richtung in das Têt-Tal
geleitet, folgen diesem bis zur Passhöhe und nutzen dann die Aufwinde des Segretals, um zwischen den hohen Bergrücken der
Pyrenäen hindurch zu gelangen. Nur die Störche, die von Norden aus ganz eng der Küstenlinie gefolgt sind, geraten durch
Umfliegung der Pyrenäen im Osten auf direktem Wege nach Spanien. Ich bin begeistert, dass die Zugwege einer Vogelart
sich so eindrucksvoll anhand der Form der Landschaft nachvollziehen lassen.
Die vielen Passstrassen beanspruchen natürlich eine Menge Zeit. Als ich an der Mittelmeerküste bei Perpignan ankomme,
steht die Sonne bereits tief. In immer kürzeren Abständen klingelt jetzt mein Telefon; ich muss mir dringend einen
Übernachtungsplatz suchen, um die eingehenden Satellitendaten auswerten und weiterleiten zu können. Schliesslich
lande ich in Valras-Plage bei Béziers. Das Dorf wimmelt im Sommer von Badetouristen, jetzt, Mitte September, ist die
Saison vorbei und die Strassen sind fast leer. Zumindest wird man mich hier nicht bei der Arbeit stören...
Heute scheint der Computer von Argos wieder zu funktionieren. Fast von allen unseren Sendervögeln trudeln aktuelle
Daten ein. Trotzdem gibt es kaum neue Entwicklungen. Die meisten der Vögel, die sich bereits auf der Südspitze Spaniens
befinden, scheinen sich dort gemütlich eingerichtet zu haben. Jeannot allerdings, die heute früh die Strasse von Gibraltar
überflogen hat, ist inzwischen genau entlang der Atlantikküste in Marokko ein ganzes Stück weit nach Süden gelangt und
rastet heute fast bei Rabat. Marie aus Ungersheim ist in Afrika bisher noch nicht weit gekommen, sie hält sich noch immer
ein kleines Stück südlich von Ceuta auf. Daniel hat Marokko bereits wieder verlassen und ist jetzt in der Westspitze Algerien's. Monika
hat den Zug durch Spanien fortgesetzt und übernachtet an der Mittelmeerküste etwas südwestlich von Cartagena. Sie und Ernst,
dessen Sender kürzlich aufgehört hat, zu arbeiten, sind die einzigen unserer Störche, die noch auf dem Weg durch Spanien
unterwegs sind. Alle anderen haben ihre Standorte heute nicht verändert. Leider auch Walter nicht, der am gleichen Platz wie
gestern im Mittelmeer geortet wurde.und mit grosser Wahrscheinlichkeit ertrunken im Meer treibt.
Alle 3 noch bestehenden Peilteams sind weiterhin unermüdlich bei der Arbeit, obwohl der Abschluss der Feldarbeiten
unmittelbar bevorsteht. Karsten und Norbert von Team 4 haben heute nahe einer Mülldeponie im Grossraum Sevilla eine
weitere Mittelspannungsleitung gefunden, deren Masten sehr viele Störche zum Opfer gefallen sind. Sie liefern damit einen
weiteren Beleg für die Gefahr, die von diesen Masten ausgeht. Team 2, Michael und Christian, begleiten Monika auf ihrem
Weg nach Gibraltar, und Team 3, Stephan und Olaf, haben die Situation in der Südspitze Spaniens im Griff. Joachim ist in
Marokko unterwegs, um zu beobachten, wie es unseren dort angekommenen Senderstörchen ergeht. Leider gelang es heute
nicht, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Wir wissen nicht, ob ein technisches Problem mit seinem Satellitentelefon oder andere
Schwierigkeiten daran schuld sind.
Schon, während die Erhebung der Daten im Feld noch läuft, wurde an anderer Stelle bereits mit der Vorbereitung erster
Massnahmen zur Beseitigung der festgestellten Todesursachen begonnen. Peter Enggist und Olivier Biber, ebenfalls
Mitglied im Vorstand der Schweizerischen Gesellschaft für den Weissstorch, trafen sich an dem gefährlichen Wasserturm
nahe Lunel in Südfrankreich mit Vertretern der Betreiberfirma und französischen Natur- und Vogelschützern. Sie
unterbreiteten detaillierte Vorschläge für bauliche Veränderungen an dem Wasserturm, durch die Todesfälle bei Störchen
zukünftig verhindert werden sollen. Ausserdem sicherten sie dem Betreiber finanzielle Unterstützung bei der Umsetzung
der erforderlichen Massnahmen zu.
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16.09.2000
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16.09.00, Valldan, 70 km nordöstlich von Lerida
Wie immer vor der Abfahrt von meinem Übernachtungsplatz gehe ich heute früh um meinen Bus und überprüfe, ob alles in
Ordnung und nichts liegengeblieben ist. Verdammt: Der Tankdeckel fehlt. Und ich hatte mich gestern schon gewundert, dass
meine Benzinreserven so schnell zu Ende gingen. Bei den steilen Bergfahrten und der Hitze ist wahrscheinlich die Hälfte
ausgelaufen oder verdunstet. Normalerweise fülle ich meinen Tank selbst auf - und verschliesse ihn danach ordentlich.
Hier in Spanien ist das anders. An jeder Tankstelle gibt es Bedienungspersonal. Dass nur das Befüllen, nicht aber das
Schliessen des Tanks zum Service gehört, hatte ich wohl vergessen... In einer kleinen Werkstatt verkauft man mir einen
Ersatzdeckel, der aber leider nicht richtig passt, und in den nächsten Stunden habe ich Kopfschmerzen vom Benzindunst.
Nach ein paar abenteuerlich schmalen Passstrassen durch die schöne spanische Bergwelt erreiche ich die Küstenebene.
Auch diesmal ist es dort wieder heiss, schwül und stickig. Auf der Autobahn komme ich schnell bis etwa Tarragona, und von
dort aus führt mich meine heutige Route wieder auf kleinen Nebenstrassen in höhere Lagen. Heute interessiert mich die
Landschaft entlang der Flugrouten unserer Störche zwischen dem Col de la Perche (Pyrenäen) und Tarragona bzw. Lerida.
Mein erstes Ziel ist Tarrega, eine kleine Stadt im östlichen Ausläufer der Hochebene, in der auch Lerida liegt. Einige unserer
Störche sind hier durchgekommen, vor allem die, die nicht nach Lerida, sondern vom Segretal direkt nach Tarragona an die
Mittelmeerküste gezogen sind. In der flachen und strukturlosen Landschaft nahe Tarragona dominieren noch grosse, frisch gepflügte
Ackerflächen. Etwa ab dem Dorf Montblanc wird es hügeliger, die Ackerflächen, hier meist Stoppelfelder, werden kleiner, und
vor allem nahe Tarrega sind die Felder durch niedrige Steinwälle in Terrassen angelegt. Hierdurch entstehen Strukturen, von
denen viele Tierarten, sicher auch die Weissstörche, falls sie hier mal landen, profitieren.
Bei Artesa de Segre biege ich nach Nordosten in das Tal des Segreflusses ab. Links der Strasse die Ausläufer der
Pyrenäen, teilweise mit steil abfallenden Felswänden. Mehrere Storchentrupps, die von unseren Teams begleitet wurden,
zogen hier durch - kein Wunder, denn an den steilen Talseiten gibt es gute Aufwinde. Auch hier wird Landwirtschaft betrieben,
aber auf kleinen Flächen, die als Terrassen in den Berghängen angelegt sind. Selbst von der Strasse aus ist zu erkennen,
dass die höheren Lagen vom Menschen nur wenig beeinflusst sind. Dort oben können auch grosse Greifvögel noch überleben.
Nicht weit von hier, in La Seu d’Urgell, beobachteten Michael und Daniel den Angriff eines Adlers auf einen Weissstorch - Details
siehe im Tagebucheintrag vom 26.08.00.
Mitten in dieser grandiosen Landschaft liegt auch mein heutiger Übernachtungsplatz. 5 Kilometer steiniger Holperpiste musste
ich fahren, um zu dem kleinen Campingplatz in einer wahrhaften Bilderbuchlandschaft zu gelangen. Bei einer solchen Umgebung
muss auch der Rest stimmen. Ich habe heute Nachmittag mal wieder eingekauft und lasse es mir jetzt gut gehen: Churizo,
Serrano-Schinken, gereifter Schafskäse und knuspriges Weissbrot, dazu ein trockener Rosado - und zum Nachtisch „Los Negros“,
die grossen schwarzen Oliven. So könnte von mir aus jedes Abendessen aussehen.
Die Leute von Argos, der Betreiberfirma unseres Satellitentelemetriesystems, scheinen kollektiv in die Ferien gefahren zu sein.
Während an anderen Tagen zwischen 19 und 23 Uhr das Telefon heissläuft und ich nicht weiss, wie ich die Daten schnell genug
in die Datenbank schaufeln soll, herrscht heute totale Funkstille. Fast nichts, nur eine einzige verwertbare Koordinate kam herein.
Es ist, als wären alle Satelliten gleichzeitig abgestürzt. Dementsprechend mager sieht es auch mit den Neuigkeiten über unsere
Senderstörche aus. Gut, dass wir unsere Peilteams haben, ohne sie wären wir jetzt ziemlich ratlos.
Storch Daniel, der seit zwei Tagen in Marokko ist, hatte sich bis zur Mittagszeit ca. 70 km weit nach Süden bewegt. Er befand
sich zu diesem Zeitpunkt etwa in der Mitte Marokkos, kann aber bis heute abend natürlich noch ein ganzes Stück weiter gezogen
sein. Der Aktivitätsschalter an Walter’s Satellitensender hat auch heute wieder gemeldet, dass der Vogel sich nicht mehr bewegt.
Damit wird es immer unwahrscheinlicher, dass Walter auf einer kleinen Insel vor Tunesien überlebt haben könnte.
Team 4 hat wiederum die Gegend um Sevilla im Auge behalten. Karsten und Norbert stellten die Störche Basilisk und Edouard
ganztägig auf der Müllkippe bei Dos Hermanas fest. Marie fanden sie auf der Müllkippe von Medina-Sidonia. Hier hat es also
keine Änderungen gegeben. Storch Helene war zusammen mit etwa 900 anderen Störchen in den Reisfeldern von Las
Cabezas de S. Juan. Karsten und Joachim beobachteten, wie der ganze Trupp von einem Reisbauern aufgescheucht wurde.
Angeblich richtet ein einzelner Storch in einem Reisfeld ebenso viel Schaden an wie ein Mensch.
Team 3 überwachte, wie schon während der letzten Tage, die Südspitze Spaniens. Stephan und Olaf fanden die Störche Werner,
Kurt und Bodi auf Übernachtungsplätzen rund um Los Barrios / Algeciras. Beim Peilen von der Südspitze Spaniens (Tarifa) aus
stellten sie Signale von Jeannot aus Richtung Süden fest. Mit Jeannot ist somit wahrscheinlich der fünfte Senderstorch nach Afrika
geflogen.
Team 2 war auch heute wieder im Schlepptau von Senderstorch Monika unterwegs. Kurz vor Mitternacht fanden Michael und
Christian den Vogel an seinem Schlafplatz etwa 40 km südlich von Valencia.
Manchmal wissen eben Menschen doch mehr als die raffinierteste Technik. Trotzdem hoffe ich, dass morgen die Satelliten wieder
funktionieren und ich Ihnen auch wieder Informationen über diejenigen Vögel mitteilen kann, die nicht unmittelbar von unseren Teams
überwacht werden.
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15.09.2000
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15.09.00, Segorbe, ca. 50 km nördlich von Valencia
Die Sonne geht gerade auf, als ich wach werde. Raus aus den Federn, denn heute habe ich viel vor. Ich muss eilig weiter Richtung
Frankreich / Schweiz, und als Fahrtstrecke habe ich mir die Zugroute einiger unserer Senderstörche ausgewählt. Ich will sehen, welche
Bedingungen die Vögel auf dieser Etappe ihres Zuges vorgefunden haben.
Von Ubeda geht es zuerst in nordöstlicher Richtung nach Albacete. Nach einigen Kilometern haben die riesigen Olivenplantagen
tatsächlich ein Ende. Sie werden abgelöst von einer leicht hügeligen, teilweise auch bergigen Landschaft. Viele Ackerflächen, aber
auch Weideland, überall eingestreut kleine Gruppen oder einzelstehende Steineichen. Warme Farbtöne prägen das Bild, der Boden
ist rötlich, die trockene Vegetation gelb bis hellbraun. Grosse Farmgebäude - Haziendas - sind in strahlendem Weiss gestrichen,
einfachere Bauernhäuser und ganze Dörfer sind aus erdfarbenen Steinen erbaut. In dieser Landschaft, die viele Strukturen und
Bereiche extensiver Landnutzung enthält, dürften unsere Störche während des Durchzugs gute Rastplätze gefunden haben.
Etwa 25 Kilometer vor Albacete ändert sich das Landschaftsbild. Eine riesige Ebene öffnet sich, die nur aus gewaltigen
Ackerflächen zu bestehen scheint. Kein Berg, kein Hügel, nichts, woran das Auge sich festhalten könnte. Das Grau frischgepflüger
Felder oder das Gelb der Stoppeläcker wird stellenweise unterbrochen vom grellen Grün bewässerter Luzernefelder. Keine
schöne Landschaft, und von Natur ist hier nicht mehr viel übrig. Trotzdem - mehrere unser Senderstörche sind hier durchgezogen,
mit hunderten von Artgenossen.
Ich beeile mich, die Ebene von Albacete ohne Aufenthalt so schnell als möglich hinter mich zu bringen. Nordöstlich von Albacete
wird es wieder hügeliger, die Landschaft wird gefälliger. Auf grossen Flächen wird hier Wein angebaut, zwischendrin gibt es
kleinere Olivenhaine. Mir gefällt es hier besser als in den riesigen Olivenanbaugebieten. Den Störchen jedoch, die vor wenigen
Wochen hier durchgezogen sind, ist es wahrscheinlich egal, welche Kulturpflanze ihnen ihre Nahrungsflächen streitig macht.
Nordöstlich von Requena erstreckt sich ein Gebirgsmassiv. Irgendwie müssen die ziehenden Störche diese Barriere überwunden
haben. Ich folge einer kleinen Landstrasse, die mich in eine wunderschöne Berglandschaft bringt. Das anfangs breite Tal wird
enger und öffnet sich dann plötzlich in einen gewaltigen Kessel zwischen steilen Bergflanken, an dessen Grund ein grosser
Stausee liegt. Den Satellitenkoordinaten zufolge haben einige unserer Senderstörche an oder in der Nähe dieses Stausees
übernachtet. Am nördlichen Ende des Sees führt wieder ein Tal hinaus in eine weite Ebene. Es öffnet sich an seinem Ausgang
wie ein Trichter, der die aus dem Norden heranziehenden Störche aus der Ebene zu dem Stausee hinleitet.
Nun ist es nicht mehr weit zu meinem heutigen Übernachtungsplatz. In Segorbe, etwa 50 km nördlich von Valencia, finde ich einen
kleinen Campingplatz, auf dem ich in Ruhe arbeiten kann. Sehr weit bin ich auch heute nicht gekommen, und ich frage mich
allmählich, wie ich es bei diesem Reisetempo bis Dienstag in die Schweiz schaffen soll. Etwa 300 km weit bin ich heute der
Reiseroute einiger unserer Senderstörche gefolgt - wenn auch in umgekehrter Richtung. Ich war erschrocken, feststellen zu müssen,
wie auch hier die Lebensräume der ziehenden Störche und vieler anderer Tierarten durch die intensive Landwirtschaft zerstört werden.
Heute war ein fast windstiller Tag, sehr heiss und sicher mit sehr guter Thermik. Als ich meinen Computer anschalte, bin ich noch
überzeugt, dass heute wieder einige unserer in Gibraltar „wartenden“ Senderstörche den Sprung über die Strasse von Gibraltar
gewagt haben. Weit gefehlt: kein einziger hat die Warteposition verlassen, und überhaupt hat sich heute fast nichts bewegt.
Der einzige unserer Störche, der deutlich weiterzog, war Daniel, der sich in Marokko etwa 150 km weit nach Süden begeben hat.
Viele Vögel befinden sich laut Satellitendaten am gleichen Ort wie gestern, von anderen gibt es heute einfach keine Daten.
Unser Sardinienflieger Walter wurde noch immer im Mittelmeer vor Tunesien geortet. Heute habe ich erfahren, dass genau
dort, wo Walter sich derzeit befindet, sehr viele kleine Inselchen sind. Früher waren sie als „Mafiosi-Inseln“ bekannt, angeblich,
weil von ihren Clans ausgestossene Mitglieder der Mafia dorthin verbannt wurden. Walter ist zwar kein Mafiosi, aber die
Tatsache, dass es diese Inseln gibt, macht mir wieder Hoffnung. Vielleicht ist es ihm ja doch gelungen, dort zwischenzulanden,
und vielleicht setzt er den Zug nach einer längeren Pause fort.
Storch David, der zuletzt bei Figueres in Nordspanien beobachtet wurde, ist entweder tot oder mit defektem Sender weitergezogen.
Keines der Peilteams konnte ihn finden. Eugen ist wahrscheinlich tot. Zwar erreichen uns noch immer Signale seines Senders aus
Mauretanien, aber sie kommen stets von der gleichen Stelle. Ausserdem können wir den Datensätzen entnehmen, dass der Vogel
seit Tagen nicht mehr aktiv war.
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14.09.2000
Foto 73
Foto 74
14.09.00, nahe Ubeda, 105 km östlich Cordoba
Ich liebe Oliven. Grüne oder schwarze, gefüllt oder pur. Aber was bloss machen die Spanier mit so vielen Oliven? Stundenlang
bin ich heute durch Olivenhaine gefahren - nein, nicht durch Haine, sondern durch Berge und Täler, die bis zum letzten Quadratmeter
mit Olivenbäumen beflanzt sind. Zwischen Cordoba und Ubena fast nur Oliven, Oliven, so weit das Auge reicht. Olivenplantagen
wie endlose Wälder, wie mit dem Zollstock eingemessen, die Bäume akkurat in Reih und Glied angeordnet. Millionen Menschen
können so viele Oliven nicht essen. Es geht um Öl, denke ich, Olivenöl für technische Zwecke (?) und ab und an um Extra virgine, kalt
gepresst und für die feine Küche. Olivenöl muss DAS Geschäft sein - anders kann ich mir diese gigantische Monokultur nicht erklären.
Olivenbäume stehen heute abend auch um meinen Schlafplatz. Kein Wunder, denn andere Bäume gibt’s hier nicht. Kurz vor
Ubeda habe ich die Asphaltstrasse verlassen, meinen Bus über staubige Pisten in die Plantagen gequält, und jetzt, oben auf
einem hohen Hügel, habe ich freien Blick - über Millionen von Olivenbäumen, von Horizont zu Horizont. Unfassbar!
Auf dem Weg von Albacete nach Cordoba haben vor Wochen auch mehrere unserer Senderstörche dieses gigantische
Olivenanbaugebiet überquert. Übernachtet haben sie an einem der Stauseen zwischen Ubeda und Linares. Vielleicht gibt
es dort ja Frösche oder andere Nahrungstiere. Oliven haben die Störche jedenfalls sicher nicht gefressen.... Wie dem auch sei,
die Region hier zeigt eindrucksvoll, dass die Menschen in Europa es immer wieder schaffen, der Natur einen Strich durch die
Rechnung zu machen. Was immer auch an Lebensräumen einmal hier gewesen sein mag - es ist verloren und wird wahrscheinlich
auch so bald nicht wieder entstehen können.
Heute war für mich kein besonders interessanter Tag. Ich muss mich sputen, wenn ich rechtzeitig zu wichtigen Terminen in
Südfrankreich sein will, und deshalb war ich während des Tages auf der Strasse Richtung Norden unterwegs. Jetzt, während
zwischen den Olivenbäumen der Generator tuckert, arbeite ich an den neuen Satellitendaten. Um Mitternacht überkommt
mich der Hunger. Das einzige, was ich im Auto finde, ist eine spanische Dose Thunfisch - natürlich in Olivenöl....
Peilteam 4 hatte heute die Vögel im Gebiet südlich von Sevilla unter Kontrolle. Peilteam 2 folgte Storch Ernst auf seinem
Weg in die Pyrenäen. Peilteam 3 war „in geheimer Mission“ unterwegs. Mit der Fähre Algeciras - Ceuta fuhren Stephan
und Olaf für einen Tag auf den afrikanischen Kontinent, um dort Satellitentelefon und Peilgeräte an Joachim, den Leiter des
früheren Teams 1, zu überbringen. Er wird damit den Störchen in Marokko auf der Spur bleiben. Spät am Abend erhielt ich
von Stephan und Olaf die folgende SMS: „Zurück in Algeciras. Operation gut gelaufen. Eichen gerade Gonio und versuchen
danach, Schlafplätze zu finden. Gruss, T3“. Auch nach einer eintägigen Afrikareise ist während der Zugbegleitung der Tag
eben nicht zu Ende.
Viel hat sich bei unseren Senderstörchen heute nicht getan. Aber bevor ich darauf eingehe, muss ich erst mal meine Fehler
von gestern korrigieren:
1. Es stimmt nicht, dass es von Storch Eugen keine Koordinate gab. Der tatsächlich vorhandene Datensatz zeigt, dass
Eugen sich weiterhin in Mauretanien aufhält.
2. Storch Werner ist natürlich nicht, wie behauptet, von Mauretanien nach Mali gezogen, sondern er ist weiterhin in Gibraltar.
Wie es zu diesen Fehlern kam? Ich war wahrscheinlich einfach zu müde. Das bin ich übrigens noch immer, aber trotzdem
werde ich mich bemühen, solche Fehler in Zukunft zu vermeiden.
Jetzt aber zu der heutigen Situation: Basilisk hat sich nur geringfügig nach Westen verändert und ist jetzt nahe Sevilla.
Willy ist nach Nordwesten gezogen und hält sich nun nördlich von Sevilla auf. Ernst ist inzwischen in den Pyrenäen
angelangt, wo er von Team 2 begleitet wird. Gute Nachricht von Senderstorch Daniel: er hat heute die Strasse von
Gibraltar überflogen und hält sich derzeit nordöstlich von Rabat in Marokko auf. Alle anderen Senderstörche haben
sich nicht oder nur wenig fortbewegt.
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13.09.2000
Foto 64
Foto 65
Foto 66
Foto 67
Foto 68
Foto 69
Foto 70
Foto 71
Foto 72
13.09.00, nahe El Arahal, 50 km südöstlich Sevilla
Heute gab es viele Eindrücke zu verarbeiten, der Tagebucheintrag fällt deshalb diesmal etwas länger aus. Und auch die Zahl der
Fotos ist höher als sonst. Ich hoffe, dass das Lesen trotzdem Spass macht.
Erster Programmpunkt heute ist der Besuch der Mülldeponie von Medina Sidonia, etwa 40 km östlich von Cadiz. Ich bin nicht
begeistert von der Vorstellung, wieder mal den Schmutz und Gestank einer solchen Anlage geniessen zu dürfen, aber die
Vorstellung, dort mehrere tausend Störche vorzufinden, treibt mich doch morgens relativ früh auf die Strasse.
Es ist gar nicht so einfach, die Deponie zu finden. Wie viele dieser Anlagen ist sie nicht ausgeschildert. 10 Minuten
Fahrt hinter Medina Sidonia, in einer endlosen Agrarsteppe, zweigt eine löchrige Piste von der Asphaltstrasse ab.
Eine dicke Schicht aus weissem Staub liegt auf der Strasse, der durch jede Ritze ins Auto eindringt und bald den
ganzen Innenraum bepudert hat. Auf den letzten paar hundert Metern ist die Strasse gesäumt von Millionen bunter
Plastiktüten, und dann stehe ich vor dem riesigen Berg aus Abfällen. Ununterbrochen karren riesige LKWs den Müll der
Stadt Cadiz heran, entladen ihre stinkende Fracht auf der gewaltigen Halde, und grosse Raupenschlepper verteilen das
Ganze und beginnen dann, es mit einer Schicht Erde abzudecken. Sehen so die neuen Rastplätze unserer ziehenden
Weissstörche aus?
Als der nächste Lastwagen oben auf dem Müllberg ankommt, sehe ich aus der Ferne eine riesige Wolke grosser
Vögel auffliegen. Es sind tatsächlich Störche, ihre Zahl schätze ich auf etwa 1.500. Für einige Minuten kreisen sie in einer
Thermik über dem Rand der Deponie, und schliesslich landen viele der Vögel bei dem gerade eingetroffenen LKW.
10 Minuten lang durchwühlen sie mit den Schnäbeln die Fracht aus „frischen“ Abfällen und schlingen gierig selbst riesige
Brocken herunter. Satt stehen sie danach für eine Weile in ihrem ergiebigen „Nahrungshabitat“ und fliegen träge nur
einige Meter zur Seite, als der Bagger beginnt, den neuen Haufen zu verteilen. Unsere „stolzen“ Störche, mit ihrem
makellos schwarz-weissen Gefieder, hier wühlen sie wie die Geier im Abfall. Kein appetitlicher Anblick, aber Realität in
Spanien, wo fast jede grössere Stadt eine offene Mülldeponie besitzt. Sicher wird die EU-Gesetzgebung in nicht allzu
ferner Zeit auch in Spanien die Einführung geschlossener Abfallaufbereitungsanlagen fordern. Welche Auswirkungen
dies auf die spanische Weissstorchpopulation und die ziehenden Störche aus Westeuropa haben wird, kann derzeit
niemand sagen.
Ich versuche, in die Mülldeponie reinzukommen, erzähle dem Pförtner in meinem bruchstückhaften Spanisch, dass ich
Ringe ablesen will. Er lässt sich jedoch nicht erweichen, fordert eine in der Hauptstadt abgestempelte „autorisacion“.
Meine Filmaufnahmen muss ich deshalb von einem der Deponie gegenüberlegenden Berg aus machen.Als ich danach
den kleinen Scanner, ein Empfangsgerät für die Satellitensender, einschalte, empfange ich ein starkes Signal aus
Richtung Müllberg. Es ist unser Senderstorch Marie aus Ungersheim. Auch sie hat also diese einfache, aber nicht
ungefährliche Art der Nahrungsbeschaffung den Reisfeldern und Feuchtgebieten entlang des Guadalquivir vorgezogen.
Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass sie hier, auf dem Berg aus Abfällen, die nächsten Wochen und Monate bleiben wird.
Gegen Mittag bin ich wieder unterwegs. Etwa 60 km weit geht es nach Norden, in das Städtchen Las Cabezas de S. Juan,
etwa zwischen Jerez und Sevilla. Hier treffe ich Team 4, zum ersten Mal seit mehreren Wochen. Diesmal in teilweise neuer
Besetzung. Nobert Kempf, der Valerie Peche abgelöst hat, ist jetzt mit dem „alten“ Teamleiter Karsten unterwegs. Vor
etwa 2 Wochen ist er in das Projekt eingestiegen, und er ist deshalb noch immer von der Sonne Südspaniens begeistert.
Gemeinsam fahren wir in die mit dem Wasser des Guadalquivir bewässerten Reisfelder unterhalb von Las Cabezas
de S. Juan. Bis zum Horizont erstrecken sich zwischen Bewässerungskanälen die Anbauflächen, die Reife des Reises
setzt gerade ein, und auf manchen Feldern wurde bereits mit der Ernte begonnen.
Schon von weitem entdecken wir auf einer Fläche, auf der ein riesiger Mähdrescher unterwegs ist, eine gewaltige
Menge verdächtiger schwarz-weisser Punkte. Auch diesmal ist es wieder ein grosser Trupp Weissstörche bei der
Nahrungssuche. 1.600 zählen Karsten und Norbert, und unser Storch Helene ist mitten dazwischen, der Goniometer
von Team 4 lässt daran keinen Zweifel. Sicher, die Reisfelder sind keine natürlichen Feuchtgebiete, und der
Reisanbau zieht so viel Wasser aus dem Fluss, dass der Nationalpark Coto Donana weiter flussabwärts
mehr und mehr ausgetrocknet wird. Trotzdem ist der Anblick der Störche im abgeernteten Reisfeld um
Längen schöner als mein Besuch bei den Müllstörchen von Medina Sidonia. Die Vögel ernähren sich hier von
Krebsen, die sich in den Kanälen und den überfluteten Feldern massenhaft vermehren können. Auch diese
Nahrungstiere gehören eigentlich nicht nach Spanien. Es ist die Krebsart Procambarus clarkii, die vor vielen
Jahren aus Amerika eingeschleppt wurde und in den Reisanbaugebieten optimale Lebensbedingungen
vorgefunden hat.
Allmählich wird es Zeit für mich, nach einem ruhigen Platz für die nächtliche Schreibtischarbeit Ausschau zu halten.
Karsten und Norbert wollen sich nach einigen weiteren Senderstörchen in den Reisfeldern umschauen, ich fahre auf
der Flucht vor den Mücken des Guadalquivirtals noch ein Stück Richtung Nordwesten, bis in die Umgebung des
Städtchens El Arahal. Auf einem abgeernteten Sonnenblumenfeld stelle ich mein Auto ab. Als die Schreibtischlampe
angeht, dauert es nicht lange, bis auch hier die sirrenden Plagegeister in Mengen eintreffen und mich bei der Arbeit
stören. Hauptsache, der Bauer, dessen Hazienda in der Nähe steht, beschliesst nicht, mich heute nacht noch von
seinem Grund und Boden zu verjagen.
Die Störche, die es sich bisher noch nicht an einem festen „Einstand“ gemütlich gemacht haben, sind heute recht
gemächlich weitergezogen. Basilisk und Willy sind gar nicht weit entfernt von meinem Übernachtungsplatz nahe El
Arahal. Marie geniesst die Müllkippe von Medina Sidonia, Helene hält sich, wie schon während der letzten Tage, in
den Reisfeldern von Las Cabezas auf. Ernst und Monika haben endlich die Camargue verlassen und übernachten
heute irgendwo zwischen Montpellier und Narbonne. Unser Team 2, Michael und Christian haben mir eine Jubel-SMS
geschickt, da sie froh sind, den Millionen Stechmücken entkommen zu können. Die Koordinaten, die wir von
Walter, dem „Sardinienflieger“ erhalten haben, zeigen, dass er sich auf den langen Weg über das Mittelmeer nach
Tunesien gemacht hat. Da jedoch am Abend mehrere Koordinaten auf die gleiche Stelle vor Tunesien weisen, ist
Walter’s Schicksal ungewiss. Entweder hat er sich erschöpft auf ein Schiff oder eine winzige Insel gerettet, oder er
ist ins Meer gestürzt und ertrunken. Ich hoffe, dass wir morgen mehr erfahren.
Gestern fragte ein Besucher unserer website, wie es um Edouard steht. Nun, Edouard hält sich weiterhin auf der
Müllkippe von Dos Hermanas auf, offenbar ist er den Todesleitungen dieser Region bisher erfolgreich aus dem
Weg gegangen. Dass während der letzten Tage keine Neuigkeiten über ihn im Tagebuch standen, liegt daran,
dass ich mich aus Zeitgründen darauf beschränke, immer nur solche Vögel kurz vorzustellen, über die es auch
wirklich Neues zu berichten gibt.
Von unseren zwei Afrikareisenden Lise und Eugen gibt es auch heute wieder keine neuen Informationen.
Vielleicht ist es den Sendern einfach zu heiss geworden? Die beiden anderen, Werner und Francis, haben
wieder grössere Strecken zurückgelegt. Werner ist aus Mauretanien nach Mali gezogen und im Nigerbinnendelta
bei Timbuktu angekommen. Er hat dort Francis abgelöst, der von Timbuktu aus am Nigerfluss entlang nach Osten
wanderte und heute nahe Gao übernachtet.
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12.09.2000
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12.09.00, Alcalá de los Gazules, zwischen Algeciras und Jerez
Hunderte sind es: Kleine Wanzen, etwa 5 mm gross. Sie schwirren um die Lampe, fallen benommen auf die Computertastatur, und anscheinend lieben sie mein Blut.
Das juckt und macht Quaddeln, aber es ist nicht das schlimmste. Die Ritzen und Spalten an meinem PC sind offenbar willkommene Verstecke für die kleinen Quälgeister,
und seit einigen Minuten rattert der Kühlventilator des Laptop verdächtig laut. In der Betriebsanletung stand nichts von „insektendicht“. Ich hoffe, dass mein wichtigstes
Arbeitsgerät diese tierischen Attacken bis zum Ende der Feldarbeit überlebt.
Heute mittag habe ich die Mittelmeerküste verlassen, um auf einer kleinen Landstrasse quer über die Südspitze Spaniens Richtung Cadiz zu fahren. Auf der Müllkippe
von Medina Sidonia sollen sich mehrere tausend Störche aufhalten, und von denen brauchen wir Filmaufnahmen. Wenige Kilometer abseits der Küste hat der
Touristentrubel ein Ende. Das nur dünn besiedelte Hinterland Gibraltars ist leicht bergig, Gruppen von Steineichen stehen auf abgeernteten Getreidefeldern oder
Viehweiden, und einzelne Bauernhäuser bringen weisse Tupfer in die sonnenverbrannte Landschaft. Spanien, wie es mir gefällt! Auf der Spitze eines Berges thront
Alcalá de los Gazules mit seinen blendendweissen Häusern, und einige Kilometer ausserhalb des Städtchens finde ich einen wunderschönen Übernachtungsplatz.
Die Grillen zirpen um mein Auto, Steinkäuze und ein Waldkauz rufen, und in der Ferne bimmeln die Glocken am Hals weidender Kühe. Kein Autolärm, keine plärrenden
Kofferradios - da nimmt man die Wanzen gerne in Kauf.
Vor etwa 25 Jahren, auch damals im August/September, habe ich diese Gegend schon einmal bereist. Ich erinnere mich, dass ich auf dieser Tour in den abgelegenen
Tälern mehrmals grössere Gruppen von rastenden Störchen gesehen habe. Heute sind mir keine Störche begegnet - die Vögel ziehen inzwischen offenbar als Rastplätze
die grossen Mülldeponien vor, auf denen es Nahrung im Überfluss gibt. Und statt der knorrigen Steineichen wählen sie heute Hochspannungsleitungen als Schlafplätze...
Viel Neues gibt es heute von unseren Senderstörchen nicht zu berichten. Mehrere der Vögel haben offenbar einen Ruhetag eingelegt, von anderen gibt es einfach
keine neuen Daten. Ich hoffe, dass dies nur ein technisches Problem von Argos oder den Sendern ist... Basilisk und Willy, die während der letzten Tage gemeinsam
im gleichen Trupp gezogen sind, haben sich getrennt. Sie übernachten separat 40 bzw. 60 km östlich von Sevilla. Kurt hat inzwischen fast die Südspitze Spaniens
erreicht und ist nahe Algeciras. Walter hält sich unverändert auf der Südspitze Sardiniens auf, die grosse Strecke über das Mittelmeer bis Tunesien scheint seinen
Tatendrang doch erst mal gedämpft zu haben. Unter denen, die bereits in Afrika sind, liefert nur Francis Neuigkeiten. Er ist heute etwa 400 km weit entlang des
Nigerflusses nach Osten gezogen. Robert hält sich unverändert westlich von Timbuktu auf. Über Eugen und Lise lässt uns Argos seit gestern um Unklaren.
Michael und Christian von Team 2 lassen sich noch immer in der Camargue von den Mücken fressen. Sie sind weiterhin an Ernst und Monika dran. Team 3, Stephan
und Olaf, kümmerten sich heute südlich von Sevilla um Marie und Helene (unsere Senderstörche!), und Team 4, Karsten und Norbert, folgten Basilisk und Willy
bis zu ihren Rastplätzen.
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11.09.2000
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11.09.00, Estepona nahe Marbella, Südspanien
Es ist doch „zum Mäuse melken“. Nach all den Problemen mit dem deutschen Mobilfunkbetreiber funktioniert die Geschichte endlich - und da versagt die
Technik hier in Spanien. Eigentlich wollte ich heute frühzeitig in den Schlafsack kriechen, die Nachtarbeit der vergangenen Woche sitzt mir in den Knochen.
Nun wird daraus wohl doch wieder nichts - das Tricksen und Basteln, bis schliesslich die Übertragung der Texte und Fotos per Satellitentelefon gelingt,
dauert seine Zeit.
Heute Mittag habe ich Peter Enggist zum Flughafen nach Malaga gebracht, danach ging es wieder in Richtung Süden. Diesmal nahm ich mir die Zeit,
die Landschaft zwischen Malaga und Gibraltar etwas genauer anzuschauen. Ein guter Teil unserer Senderstörche ist auf dem Weg zur Südspitze Spaniens
hier über die Küstenebene gezogen. Unsere Peilteams beobachteten die Vögel in so eigenartigen „Rastbiotopen“ wie Golfplätzen oder inmitten von „Villensiedlungen“.
Heute wird mir klar, warum das so ist. Die gesamte Costa del Sol ist mit Wohnanlagen, Bettenburgen, Strandanlagen und auswuchernden Siedlungen und Städten
völlig zugebaut, selbst vor den Hängen der Bergzüge am Rand der Küstenebene macht die Bauwut nicht halt. Den Störchen bleibt da gar keine andere Wahl, als
mit dem vorlieb zu nehmen, was der Mensch sich in diesem Landstrich als Wohnparadies, Spielwiese oder Sportanlage geschaffen hat. Auf der Fahrt entlang der
Küste fasse ich den Entschluss, die Route meiner Rückreise in die Schweiz entlang der Zugroute unserer Senderstörche zu legen und täglich die Landschaften
mit einigen Fotos zu dokumentieren. Ich hoffe, dass die ersten Bilder, die ich diesem Tagebucheintrag beistelle, nicht typisch sind für alles, was mich auf der
weiteren Reise erwartet.
Der sehr starke Wind hat sich zwar heute gelegt, aber in unsere Senderstörche in Gibraltar ist bisher noch immer keine Bewegung gekommen. Auch die anderen
Senderstörche konnten sich heute nicht gerade zu Rekordleistungen aufraffen. Interessant ist allerdings das Verhalten von Walter und Ernst.
Walter ist heute bis zur Südspitze Sardiniens gezogen. Ich bin gespannt, ob er morgen versucht, den langen Weg über das Meer nach Tunesien in
Angriff zu nehmen, oder ob er in Sardinien „hängen bleibt“. Ernst, sein früherer Wandergefährte, der sich bereits östlich von St.-Tropez aufhielt, hat
kehrt gemacht und ist heute alleine nach Westen bis in die Camargue zurückgeflogen, ständig begleitet von Peilteam 2. Auch Störche machen Fehler,
und der zusätzliche Energieaufwand kann Ernst teuer zu stehen kommen. Monika, die schlau genug war, die Extratour nach Osten nicht mitzumachen,
ist ebenfalls noch in der Camargue. Wir werden sehen, wie sich die beiden in den nächsten Tagen entscheiden.
Basilisk aus Basel und Willy aus Hünenberg ziehen weiterhin gemeinsam und befinden sich bereits 15 km östlich von Cordoba, in einem Trupp von
mindestens 160 Störchen. Team 4 hat sich von den beiden bisher nicht abschütteln lassen. Marie aus Ungersheim ist jetzt südlich der Bucht von Cadiz,
direkt bei Chiclana de la Frontera, und Helene aus Oberwil übernachtet 20 km südlich von Sevilla. Kurt aus Uznach, der von Team 3 unter Beobachtung
gehalten wurde, hat sich von seinem gestrigen Aufenthaltsort auf einem Golfplatz zwischen Marbella und Algeciras nicht wegbewegt. Das Peilteam wird
sich deshalb ab morgen anderen Aufgaben widmen.
In Afrika ist inzwischen auch Francis südwestlich von Timbuktu am Nigerfluss im Winterquartier angekommen. Er ist jetzt nicht mehr weit entfernt von
Robert, der sich dort seit einigen Tagen aufhält. Die beiden anderen Afrikaflieger haben offenbar recht gute Nahrungsgründe gefunden, denn sie haben
heute den Zug nicht fortgesetzt.
2 Senderstörche, nicht eingerechnet „Sardinien-Walter“, befinden sich jetzt noch nördlich der Pyrenäen, alle anderen sind bereits weit im Süden und werden
Europa bald verlassen - sofern sie nicht beschliessen, in Spanien zu überwintern. Für die Peilteams und mich bedeutet das, dass wir die Feldarbeit in
voraussichtlich etwa 1 Woche abschliessen werden.
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